Futterstroh – „Wann und wie kann Futterstroh für mein Pferd hilfreich sein?“
Fütterung · Aus der Stallpraxis
Stroh kennen viele Pferdebesitzer vor allem als Einstreu. Doch richtig eingesetzt kann hochwertiges Futterstroh auch eine wertvolle Ergänzung der Raufutterration sein. Aber für welche Pferde ist es geeignet – und worauf sollte man bei der Fütterung achten?
Von Heu- und Stohhandel Lindner, · Schwerpunkt Fütterung und Einstreu
Lesezeit rund 8 Minuten
Vorweg eine Beobachtung aus gut zwanzig Jahren Stallalltag: Kaum ein Futtermittel spaltet die Pferdeleute so zuverlässig wie Stroh. Die einen füttern es seit Generationen mit und haben nie ein Problem gehabt. Die anderen haben einmal eine Verstopfungskolik erlebt und rühren es nie wieder an. Beide erzählen die Wahrheit. Nur eben ihre.
Ein Fall, der bei mir jedes Frühjahr in irgendeiner Variante auf dem Tisch landet: Haflinger-Stute, 420 Kilo, davon geschätzte 40 zu viel, Offenstall mit drei anderen. Das Heu ist aus gutem Grund rationiert, das Netz um halb neun abends leer, das nächste kommt um sieben Uhr morgens. Zehneinhalb Stunden nichts. Die Stute nimmt trotzdem nicht ab, dafür ist der Balken am Unterstand angeknabbert und sie tritt beim Füttern. Hier ist nicht die Heumenge falsch berechnet. Hier fehlt schlicht Zeit, in der etwas zu tun ist. Und genau da kommt Stroh ins Spiel.
Stroh ist nicht gleich Stroh
Der Rohstoff ist derselbe: Halme, die nach dem Drusch übrig bleiben. Was Futterstroh von Einstreustroh trennt, ist alles, was danach passiert – Erntewetter, Pressfeuchte, Lagerung. „Futterstroh“ ist übrigens kein geschützter Begriff. Es steht auf mancher Rechnung, weil es sich besser verkauft, nicht weil jemand etwas geprüft hätte.
Einstreu kauft man nach Saugfähigkeit und Preis. Ein leicht muffiger Ballen fällt in der Box kaum auf, gefressen werden soll das Zeug ja nicht. Nur: Pferde in Strohboxen fressen so gut wie immer mit, und je knapper das Heu, desto mehr. Wer Stroh gezielt in die Ration nimmt, muss die Hygieneansprüche deshalb deutlich höher schrauben als beim Einstreukauf. Das ist der Punkt, an dem in der Praxis die meisten Fehler passieren.
Bei den Getreidearten habe ich klare Vorlieben. Haferstroh ist weich, wird von fast jedem Pferd gerne genommen und liegt energetisch etwas höher. Gerstenstroh nutze ich am häufigsten, guter Kompromiss aus Struktur und Fressbarkeit; auf Grannenreste würde ich schauen, die reizen die Maulschleimhaut. Weizenstroh ist das härteste und rohfaserreichste, energetisch am ärmsten. Für ein zahngesundes Dickerchen ideal, für den 24-jährigen Wallach mit Lücken im Backenzahnbereich eine schlechte Idee. Roggenstroh lasse ich stehen: hart, wenig schmackhaft, dazu das höhere Mutterkornrisiko.
Und noch etwas, das gern übersehen wird: zu kurz gehäckseltes Stroh nimmt dir genau den Vorteil weg, wegen dem du es fütterst. Lange Halme müssen zerkleinert werden. Diese Arbeit ist der eigentliche Wirkstoff.
Was drinsteckt, und was eben nicht
Die folgenden Werte sind Orientierungsgrößen aus der Fütterungsliteratur. Sie schwanken je nach Sorte, Standort und Erntejahr erheblich – wer genau rechnen will, lässt analysieren, das kostet keine 50 Euro.
| Kennwert | Weizenstroh | Gerstenstroh | Haferstroh | Wiesenheu, mittel |
|---|---|---|---|---|
| Rohfaser | ca. 400–450 g | ca. 390–430 g | ca. 380–420 g | ca. 250–300 g |
| Umsetzbare Energie | ca. 5,5–6,5 MJ | ca. 5,5–6,5 MJ | ca. 6,0–7,0 MJ | ca. 7,5–9,0 MJ |
| Rohprotein | ca. 30–40 g | ca. 35–45 g | ca. 40–50 g | ca. 80–120 g |
| Verdauliches Rohprotein | praktisch null | praktisch null | praktisch null | ca. 40–70 g |
| Calcium | ca. 2–4 g | ca. 3–4 g | ca. 3–4 g | ca. 4–6 g |
Übersetzt heißt das: Struktur ja, Nährstoffe nein. Der Energiegehalt liegt grob 20 bis 30 Prozent unter durchschnittlichem Heu, verwertbares Protein ist quasi nicht vorhanden. Ein Kilo Stroh ersetzt also kein Kilo Heu. Es ersetzt Fresszeit, und das ziemlich gut.
Kauen ist der eigentliche Punkt
| Futtermittel | Fresszeit | Kauschläge |
|---|---|---|
| Stroh | ca. 60–80 Minuten | ca. 4.000–5.000 |
| Heu | ca. 40–50 Minuten | ca. 3.000–4.500 |
| Hafer | ca. 10 Minuten | ca. 800–1.200 |
Der Unterschied zwischen Hafer und Stroh ist hier fast schon absurd. Ein Kilo Hafer ist in zehn Minuten weg, ein Kilo Stroh beschäftigt ein Pferd über eine Stunde.
Warum das zählt: Pferdespeichel entsteht anders als bei uns fast ausschließlich durch Kautätigkeit. Er enthält Bicarbonat und puffert Magensäure ab. Der Pferdemagen produziert diese Säure aber rund um die Uhr, ob gerade gefressen wird oder nicht. Kauzeit ist damit kein Wohlfühlthema, sondern Teil der Verdauungsmechanik.
Der Tag hat 24 Stunden – und die will gefüllt werden
In naturnaher Haltung sind Pferde zwölf bis sechzehn Stunden am Tag mit Fressen beschäftigt. Kurze Pausen, dann weiter. Darauf sind Gebiss, Darm und Kopf ausgelegt.
Schrumpft diese Zeit auf vier oder fünf Stunden, fehlt eben nicht nur Speichel. Es fehlt Beschäftigung. Was dann kommt, kennt jeder Stallbetreiber: Holz, Koppen, Weben, Unruhe an der Futterluke, gelegentlich auch Zoff in der Gruppe. Fresspausen über vier Stunden würde ich deshalb vermeiden, wo es irgend geht. Strohgabe ist dabei das ehrlichste Werkzeug, das ich kenne, weil es über die Zeit wirkt und nicht über Kalorien.
Wem es wirklich hilft
Der klassische Kandidat ist das leichtfuttrige Pferd oder Pony, das bei bedarfsgerechter Heumenge einfach viel zu schnell fertig ist. Dazu Pferde mit Übergewicht, Pferde mit geringem Energiebedarf, Beistellpferde, Pferde in der Schonphase. Und alle Haltungsformen, in denen zwangsläufig lange Lücken entstehen.
Weniger geeignet sind mehr Pferde, als der Stammtisch glaubt.
| Pferdetyp | Einschätzung | Warum |
|---|---|---|
| Leichtfuttriges Pony, übergewichtiges Pferd | passt gut | Fresszeit rauf, Energie runter |
| Freizeitpferd, wenig Arbeit | passt in Maßen | Ration wird strukturreicher |
| Sportpferd im höheren Leistungsbereich | eingeschränkt | Nährstoffbedarf, Darmfüllung |
| Senior mit schlechten Zähnen | meist nein | Halme werden nicht zerkleinert |
| Kolikvorgeschichte, Sandbelastung | nur mit Tierarzt | individuelle Risikoabwägung |
| Magengeschwüre in der Vorgeschichte | Vorsicht, nie allein | siehe Abschnitt Gewichtsmanagement |
| Fohlen, Absetzer, tragende und laktierende Stuten | nein | hoher Bedarf, Stroh verdrängt Nährstoffe |
Stroh im Gewichtsmanagement
Die Idee ist simpel. Ein Teil des Heus wird gegen Stroh getauscht, die Gesamtmenge Raufutter bleibt gleich oder steigt sogar leicht, die Energiezufuhr sinkt, die Beschäftigungszeit wächst. Bei der Haflinger-Stute von oben waren es am Ende vier Portionen über den Tag statt zwei, ohne dass ein Gramm mehr Energie in sie hineinging.
Nur ist das kein Rezept zum Abschreiben. Als Rahmen arbeite ich mit zwei Zahlen.
Faustzahlen für die Ration
Mindestens 1,5 kg Trockensubstanz Raufutter je 100 kg Körpermasse, absolute Untergrenze 1,0 kg.
Höchstens 0,5 kg Stroh je 100 kg Körpermasse und Tag. Beim 600er-Warmblut also rund drei Kilo, beim 400er-Pony rund zwei. Obergrenze, wohlgemerkt, kein Ziel.
Komplett auf Stroh umzustellen ist keine Option, und dafür gibt es mehr als Bauchgefühl. In einer dänischen Untersuchung an gut 200 Pferden zeigte sich Stroh als alleiniges Raufutter als Risikofaktor für Magengeschwüre. Nicht Stroh an sich. Stroh ohne begleitendes Heu. Dieser Unterschied geht in Diskussionen praktisch immer verloren, und er ist der Grund, warum bei mir Stroh grundsätzlich Ergänzung bleibt.
Qualität beurteilt man mit der Nase, nicht mit dem Lieferschein
Bei Einstreu verzeiht mittlere Ware einiges. Bei Futterstroh nicht, weil das Pferd es gezielt und in Menge frisst. Ich beurteile jeden Posten vor der Annahme, und zwar am aufgebrochenen Ballen. Am Anschnitt sieht alles gut aus.
| Merkmal | Passt | Finger weg |
|---|---|---|
| Geruch | frisch, leicht getreidig | muffig, modrig, stechend |
| Farbe | hell, goldgelb, gleichmäßig | grau, dunkle Nester, weißer Belag |
| Staub | beim Aufschütteln kaum etwas | sichtbare Wolke |
| Struktur | lange, elastische Halme | brüchig, verklebt, verfilzt |
| Besatz | sauber | Erde, Disteln, Folienreste |
| Lagerung | trocken, überdacht, auf Paletten | Bodenkontakt, Kondenswasser |
Schimmeliges oder stark staubiges Stroh gehört nicht in den Trog. Ehrlich gesagt auch nicht in die Box, denn Sporen belasten die Atemwege unabhängig davon, ob das Pferd sie frisst oder nur einatmet.
Wo es in der Praxis schiefgeht
Fast immer an der Menge. Zu viel, zu schnell, dazu ein Pferd, das im Winter kaum trinkt. Rohfaserreiches Futter bindet Wasser im Dickdarm, und die Verstopfungskolik, die dann folgt, wird hinterher dem Stroh angelastet. Sie hätte genauso gut an der eiskalten Tränke gelegen.
Deshalb prüfe ich vor jeder Umstellung zuerst das Wasser. Durchfluss, Temperatur, Erreichbarkeit für rangniedrige Tiere. Im Zweifel stelle ich zusätzlich einen Eimer mit angewärmtem Wasser hin und schaue, was passiert. Das klingt banal. Es ist der Unterschied zwischen funktioniert und funktioniert nicht.
Dazu die bekannten Punkte: schlechte Hygiene belastet Atemwege und Darm, unzureichender Zahnstatus lässt die Halme zu grob durch, und manche Pferde vertragen strohreiche Rationen einfach schlechter als andere. Warum, weiß man nicht immer.
So fütterst du an
Langsam. Ich starte mit einem halben Kilo täglich und steigere über zwei bis drei Wochen, verteilt auf mehrere Gaben. Das Heu wird dabei nicht gestrichen, sondern anteilig reduziert, sodass die Gesamtmenge Raufutter stimmt. Alter, Zahnstatus, Gesundheit, Haltungsform, Bewegung und Energiebedarf bestimmen die Menge. Nicht der Kalender und schon gar nicht der Nachbarstall.
Ein Wort zur Individualität, weil das kein Nebensatz ist, sondern der Kern: Der leichtfuttrige Haflinger mit tadellosem Gebiss und täglichem Weidegang verträgt eine völlig andere Ration als der 26-jährige Wallach mit Zahnlücken oder das Sportpferd in intensiver Arbeit. Auch das übrige Raufutter zählt mit. Wer ohnehin nur spätgeschnittenes, strukturreiches Heu bekommt, braucht oft gar kein zusätzliches Stroh. Bei Unsicherheit lieber einmal rechnen lassen; eine Rationsberechnung kostet wenig und erspart teure Irrtümer.
Fünf Dinge für den Stallalltag
- Ballen aufbrechen und riechen, bevor du eine Fuhre abnimmst. Nicht nach dem Abladen.
- Zwei bis drei Wochen einschleichen, niemals von heute auf morgen umstellen.
- In den ersten Wochen Fressverhalten, Kotbeschaffenheit, Wasseraufnahme und Allgemeinbefinden notieren. Aufschreiben, nicht merken.
- Immer die gesamte Ration betrachten. Stroh verschiebt die Bilanz bei Energie, Protein und Mineralstoffen.
- Bei Vorerkrankungen oder Auffälligkeiten früh den Tierarzt oder eine Fütterungsberatung dazuholen, nicht erst wenn es klemmt.
Fazit
Futterstroh ist kein Notbehelf und schon gar kein Allheilmittel. Es ist ein Werkzeug, und wie jedes Werkzeug taugt es für bestimmte Aufgaben und für andere eben nicht.
Richtig eingesetzt verlängert es Fress- und Kauzeiten, fördert die Speichelbildung und macht die Ration strukturreicher, ohne nennenswert Energie nachzuschieben. Bei leichtfuttrigen Pferden und Ponys löst es damit ein Problem, an dem Heu allein scheitert. Was zählt, sind einwandfreie Qualität, die passende Menge und die konkrete Situation deines Pferdes. Wer pauschal umstellt, weil es im Nachbarstall gut lief, bekommt zuverlässig das Gegenteil von dem, was er wollte.
Quellenverzeichnis
- Coenen, M.; Vervuert, I.: Pferdefütterung. 6. Auflage, Enke Verlag, Stuttgart 2020.
- Gesellschaft für Ernährungsphysiologie (GfE): Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung von Pferden. DLG-Verlag, Frankfurt am Main 2014.
- Luthersson, N.; Nielsen, K. H.; Harris, P.; Parkin, T. D. H.: Risk factors associated with equine gastric ulceration syndrome (EGUS) in 201 horses in Denmark. Equine Veterinary Journal 41 (7), 2009, S. 625–630.
- Ellis, A. D.: Biological Basis of Behaviour in Relation to Nutrition and Feed Intake in Horses. In: The Impact of Nutrition on the Health and Welfare of Horses, EAAP Publication No. 128, Wageningen Academic Publishers 2010.
- Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL): Leitlinien zur Beurteilung von Pferdehaltungen unter Tierschutzgesichtspunkten. Berlin 2009.
- Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN): Richtlinien für Reiten und Fahren, Band 4: Haltung, Fütterung, Gesundheit und Zucht. FNverlag, Warendorf.
- Kienzle, E.; Zeyner, A.: Fachbeiträge zur Rationsgestaltung und Rohfaserversorgung beim Pferd, Ludwig-Maximilians-Universität München / Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.
- Landwirtschaftskammer Niedersachsen: Fütterungsempfehlungen für Pferde – Raufutterqualität und Rationsgestaltung. Fachinformation, Oldenburg.
Hinweis: Alle Mengen- und Nährwertangaben sind Orientierungswerte. Sie ersetzen keine individuelle Rationsberechnung und keine tierärztliche Beratung.